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Alice Salomon: Fiktive Gespräche – Teil 4:

Soziale Arbeit studieren, was bedeutet das eigentlich? Was lernt man da konkret? Wer dazu mehr wissen möchte, für den gibt es hier eine kleine Reihe, die einen Einblick gibt in ein besonderes Lernprojekt des Studiums der Sozialen Arbeit an der AKAD University. Teil 4: Alice Salomon, Pionierin der Sozialen Arbeit.

Das fiktive Interview mit Alice Salomon, einer Pionierin der Sozialen Arbeit (1872-1948), fand im Jahr 1947, ein Jahr vor ihrem Tod statt.

Alice Salomon, Copyright: CC BY 3.0

Frau Salomon, welche Gedanken begleiten Sie heute an Ihrem 85. Geburtstag?

Ich fühle mich gut und blicke zurück auf ein reiches und erfülltes Leben. Seit zehn Jahren lebe ich nun schon im Exil in New York. Meine Memoiren habe ich schon verfasst –nur will sie leider keiner veröffentlichen. Dabei habe ich sehr viel erlebt und viel bewegt, wie ich meine.

Ihr Start ins Berufsleben war ja nicht leicht.

Ja, ich habe schon als Kind viel über das Leben gelernt. Ich hatte sechs Geschwister, von denen zwei verstorben sind. Nach dem Tod unseres Vaters mussten wir unser Haus verlassen und in eine Mietwohnung in Berlin ziehen. Meine Mutter erlitt einen Zusammenbruch. Später durfte ich als Mädchen aus dem Bürgertum nicht Lehrerin werden, weil mir die Rolle als Mutter und Ehefrau zugedacht war. Aber wir erlebten damals eine aufregende Zeit: Die patriarchal-autoritären Familienstrukturen wurden langsam aufgebrochen, schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts gab es erste Frauenbewegungen. Frauen emanzipierten sich, Traditionen bröckelten.

Im Jahr 1908, mit 36 Jahren, gründeten Sie die erste Soziale Frauenschule und 1925 dann die erste “Deutsche Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit”. Was war Ihre Motivation für diese großen Aufgaben?

Damals arbeiteten immer mehr Frauen in der kommunalen Armenfürsorge als ehrenamtliche Armenpflegerinnen oder in Einrichtungen und Diensten als ehrenamtliche Fürsorgerinnen. Ich selbst bin mit 21 Jahren in die Mädchen- und Frauengruppe für soziale Hilfsarbeit eingetreten und arbeitete da an vorderster Front. Von Anfang an war mir klar, dass man für diese Hilfstätigkeiten spezielle Kenntnisse und Fertigkeiten braucht.

Deshalb begannen Sie auch, spezielle Bildungsveranstaltungen für die soziale Hilfstätigkeit anzubieten. Wie kamen sie an?

Sie waren sehr beliebt. Das ermutigte mich auch dazu, daraus einen “Jahreskurs für die berufliche Ausbildung in der Wohlfahrtspflege” zu starten.

Was waren die Inhalte?

Es ging darum, den ehrenamtlichen Helferinnen eine praktische Ausbildung auf dem Gebiet der sozialen Fürsorge und Hilfsarbeit zu ermöglichen. Der Fokus lag aber von Anfang an nicht nur auf Wissensvermittlung, sondern auch darauf, auch Haltungen und Einstellungen einzuüben, die leitend sein sollten in der Arbeit mit unserer Klientel. Es ging darum, den Menschen mit Achtung zu begegnen, ihre Entscheidungen zu respektieren und ihre vorhandenen Ressourcen zu stärken. Mit meinen Erfahrungen in der Organisation dieser Kurse habe ich dann die Frauenschule in Berlin gegründet.

Warum war die Ausbildung nur Frauen vorbehalten?

Soziale Arbeit ist für mich ein Frauenberuf und ein Beitrag von uns Frauen zu einer sozialen Gesellschaft. In der Sozialen Arbeit ging es schon immer vorrangig um Familien-, Mütter -und Frauenprobleme. In der Theorie wird Mutterschaft verherrlicht. Im wirklichen Leben wird die Mutter missachtet, erniedrigt, dem Elend preisgegeben. Schwangere Frauen müssen bis zur Geburt schuften, Mütter müssen ihre Kinder wenige Tage nach der Geburt verlassen, um arbeiten zu gehen, obdachlose Frauen bringen ihre Kinder in Hinterhöfen zur Welt. Mutterschutz ist also eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Männer waren zudem zur Zeit der Gründung der ersten Frauenschule nicht in diesem Berufsfeld präsent. Sie waren eher am Schreib-tisch im Innendienst und in der Verwaltung tätig. Sie trafen die Entscheidungen, wir Frauen setzten sie in die Tat um und verrichteten den Dienst am Menschen. Ich will, dass auch Frauen Chefinnen sein können und ihr Berufsfeld komplett beherrschen. 1919 wurde ja dann in Berlin eine der ersten Jugendpflegeschulen für Männer gegründet. Die Männer lernen dort, mit gefährdeten, älteren Heranwachsenden zu arbeiten.

Glauben Sie, dass sich das Geschlechterverhältnis in der Sozialen Arbeit künftig ändern könnte?

Ich würde mir wünschen, dass auch Männer mehr in den sozialen Berufen arbeiten. Aber ich glaube nicht, dass sich die Lage hier schnell ändern wird.

Was waren die sozialen Probleme in der Zeit, als Sie die Frauenschule gründeten?

Die kommunale Armenfürsorge stellte nur eine Art wirtschaftlicher Hilfe dar. Die Menschen brauchten aber Unterstützung in vielen weiteren Lebenslagen, die mit Geld oder der Förderung der Arbeitsfähigkeit allein nicht zu lösen waren: Die Säuglings- und Kleinkindsterblichkeit war sehr hoch, Arbeiter waren oft krank, viele Jugendliche wurden kriminell oder Mädchen prostituierten sich. Deshalb musste sich die Soziale Arbeit an diese verschiedenen Problemlagen anpassen und Hilfen anbieten. Bis zum Ersten Weltkrieg haben sich vor allem die Bereiche Gesundheitsfürsorge, Wohnungsfürsorge und Jugendpflege gut entwickelt. Die Bereiche haben sich immer weiter ausdifferenziert.

Wie hat der Erste Weltkrieg die Soziale Arbeit verändert?

Die Not und die Armut der Menschen in der Kriegszeit waren gewaltig. Die Haupternährer, also die Männer, waren an der Front. Es wurden dann Kriegsfürsorgeämter zur Unterstützung der Familien eingerichtet. Die Nachfrage nach Unterstützung war riesig, daraus erwuchs dann der “Nationale Frauendienst” (NFD), in dem ich auch tätig war. Uns war es zudem ein besonderes Anliegen, dass die Frauen durch das Engagement in dieser Organisation auch mehr soziale Anerkennung und Rechte bekommen. Die Mitarbeiterinnen waren durch die Bank Absolventinnen von Sozialen Frauenschulen, die nach dem Vorbild meiner ersten Socialen Frauenschule in Berlin entstanden waren. Mit ihrer Tätigkeit konnten die Frauen ihre an den Schulen erworbenen Kompetenzen unter Beweis stellen. Das hat mich stets mit Freude und Stolz erfüllt. Dafür hatte ich gekämpft.

Durch die Arbeit des NFD und mit der Gründung der ersten Berufsorganisationen in Kriegszeiten nahm auch die Professionalisierung der Sozialen Arbeit konkrete Formen an. Einen Beitrag dazu leisteten Sie auch mit der Organisation der “Konferenz der socialen Frauenschule Deutschlands”.

Ja, das war ein Stück harte Arbeit: Wir haben einheitliche Standards für die Ausbildung und berufliche Organisation festgelegt. Und wir haben beschlossen, dass auch Frauen aus der Arbeiterschicht die Schulen besuchen dürfen, vorher war das nur Frauen aus dem Bürgertum vorbehalten. Schließlich wurden viele Helferinnen gebraucht und außerdem haben Frauen aus der Arbeiterschicht zahlreiche praktische Kompetenzen in der Hausarbeit zum Beispiel.

Waren Ihnen selbst als Mädchen aus dem Bürgertum die Nöte der Arbeiterschicht nicht fremd?

Durch die Arbeit in den Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit habe ich einen Einblick in die Lebenswelt der Arbeiterschicht bekommen. Ich verstand dadurch die Welt der Politik, der Klassenauseinandersetzungen, der sozialen Reform. Davon hatte ich zuvor keine Ahnung. Hier fand ich auch meinen Zugang zur Frauenbewegung. Es ging darum, Frauenrechte durchzusetzen und die Lage der Arbeiterinnen, der Mütter und der Kinder zu verbessern. Mir wurde klar, dass individuelle Not aus der sozialen Not erwuchs. Das sahen damals viele Menschen anders. Ich nahm an sozialen Debatten und Projekten teil, später konnte ich studieren und promovieren.

Nach dem Krieg hat sich die Situation für die Soziale Arbeit extrem verbessert –die Weimarer Verfassung hat die Fürsorge und Wohlfahrtspflege gesetzlich als Aufgabe des Staates verankert. Welche Auswirkungen hatte das auf die Soziale Arbeit?

Man musste sich zunächst um Kriegsgeschädigte und Hinterbliebene kümmern, um Rentner und Arbeitslose. Neben der Caritas und der Diakonie entstanden dann auch viele weitere freie Träger der Wohlfahrtspflege, die auch stark gefördert wurden. An den Universitäten sind in den 1920ern die ersten Sozialpädagogik-Lehrstühle eingerichtet worden, damit begann die Akademisierung der Sozialen Arbeit.

Wie hat sich dann das Profil der Sozialen Arbeit entwickelt?

Ich bin davon überzeugt, dass die Ausbildung den Beruf geschaffen hat. Denn die Ausbildung stand von Anfang an in enger Verbindung mit der Praxis und der Wissenschaft –das alles multidisziplinär. Dieser Ansatz hat sich als zukunftsweisend erwiesen. 

Wie ist ihre persönliche Sicht auf Ihren Beruf?

Als ich jung war, waren meine Möglichkeiten als Frau beschränkt. Nach nur neun Schuljahren musste ich, wie alle Mädchen damals, die Schule verlassen, um auf einen Ehemann zu warten. Ich durfte nicht einmal Lehrerin werden, was ich mir sehr gewünscht hatte. Die Situation war unerträglich für mich. Die Mädchen- und Frauengruppen für soziale Hilfsarbeit waren mein Ausweg aus der Nutzlosigkeit und Perspektivlosigkeit. Diese Initiative suchte im Gegensatz zu den Almosenvereinen nach neuen Wegen wirkungsvoller Hilfe für Menschen in Not. Es ging darum, Ursachen von Armut zu suchen und zu überwinden. Die Hilfebedürftigen sollten ein selbstständiges und menschenwürdiges Leben führen können. Diese Ansätze haben mich damals inspiriert und mein weiteres berufliches Wirken geprägt.

Was war Ihnen damals wichtig?

Die Frauen in Ihren Rechten zu stärken und die Professionalisierung der Sozialen Arbeit voranzutreiben. Meine Schwerpunkte waren soziale Reformprojekte wie der Arbeiterinnenschutz und der Mutterschutz. Mit und in diesen Gruppen haben wir die moderne Soziale Arbeit als eine professionelle, in Theorie und Praxis, entwickelt.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Sozialen Arbeit?

Ich habe bereits 1906 in meiner Doktorarbeit eine professionelle Ausbildung und bessere Bezahlung in der Erziehung, Pflege und Hausarbeit gefordert. Ich hoffe auch, dass die Soziale Arbeit in Zukunft mehr Wertschätzung erlebt und es keine Unterschiede in der Bezahlung zwischen Frauen und Männern gibt.

Autorin dieses fiktiven Interviews ist Julia Ertel, Studierende im Studienfach Soziale Arbeit.

MEHR ZU DIESER REIHE

Teil 1 Friedrich Fröbel, Begründer des Kindergartens, inkl. Einordnung der Reihe durch Prof. Dr. Eckstein

Teil 2 Helene Stöcker, Frauenrechtlerin und Pazifistin

Teil 3 Cicely Saunders, Pionierin der Hospiz-Bewegung

Teil 5 Johann Hinrich Wichern

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