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Fiktive Gespräche – Teil 2: Helene Stöcker

Soziale Arbeit studieren, was bedeutet das eigentlich? Was lernt man da konkret? Wer dazu mehr wissen möchte, für den startet hiermit eine kleine Reihe, die einen Einblick gibt in ein besonderes Lernprojekt des Studiums der Sozialen Arbeit an der AKAD University. In Teil zwei kommt Frauenrechtlerin und Pazifistin Helene Stöcker zu Wort.

Dr. phil. Helene Stöcker, Bild: gemeinfrei

Ines: Guten Tag Frau Stöcker, schön, dass ich Sie zu diesem Gespräch begrüßen darf. Wir werden uns heute über Ihr Handlungsfeld in der Sozialen Arbeit und deren historische Dimensionen austauschen.  Sie sind den Menschen als überzeugte deutsche Frauenrechtlerin, Sexualreformerin, Pazifistin und Publizistin in Erinnerung geblieben. Was hat Sie zu diesen Überzeugungen bewegt?

Helene Stöcker: Ich bin in einer sehr calvinistisch geprägten Familie aufgewachsen, in der der Platz der Frau und deren Aufgaben in der Familie und in der Gesellschaft fest vorgeschrieben waren. Mit diesen ethischen und moralischen Grundsätzen konnte ich mich nicht identifizieren, deshalb zog ich 1892 nach Berlin, erklärte mich zur Pazifistin und schloss mich der von Bertha Suttner gegründeten Friedensgesellschaft an.

Ines: Aber der Pazifismus war nicht das Einzige, wofür sich eingesetzt haben?

Helene Stöcker: Das ist richtig. Bereits im Jahr 1893 veröffentlichte ich meinen Aufsatz Die moderne Frau, in welchem ich mich für die finanzielle Unabhängigkeit vom Ehemann als einer Voraussetzung für ein erfülltes und freies Leben der Frauen und für eine partnerschaftliche Beziehung der Geschlechter erklärte. Wie ich selbst am eigenen Leibe erfahren habe, war es uns Frauen zum damaligen Zeitpunkt unmöglich, ein selbstständiges, selbstbestimmtes, unabhängiges Leben zu führen. Selbstbestimmte Bildung war ein Privileg für Männer und uns Frauen wurde sie schlichtweg nicht zugestanden.

Ines: Ihr eigener holpriger Bildungsweg bzw. Ihre persönlichen Lebenserfahrungen waren dann auch der Grund für Ihre weiteren Werke?

Helene Stöcker: Allgemein ein selbstbestimmtes Leben zu führen, war, wie bereits gesagt, sehr schwer. Genau das war aber mein Wunsch, nicht nur für mich, sondern für alle Frauen. Da ich auf meinem Weg, meinen Wünschen zu folgen, immer wieder gegen Mauern gelaufen bin, hat mich das immer wieder zu neuen Schriften inspiriert. Ich wollte anderen Frauen Mut machen, ihre Lebensträume zu verwirklichen und Ihnen zeigen, dass sie nicht allein sind und man es schaffen kann. Aufgrund dieser Inspiration sind dann meine Werke wie z. B. „die Frauenbewegung“ entstanden.

Helene Stöcker: Selbstbestimmung als Lebensthema

Ines: Man könnte also mit Fug und Recht behaupten, dass, verallgemeinert gesagt, die Selbstbestimmung Ihr Thema war, der rote Faden, der sich durch Ihre Arbeiten wie Ihr Leben gezogen hat. Selbstbestimmung in jeglicher Form?

Helene Stöcker: So habe ich das noch gar nicht gesehen, aber so könnte man es sagen. Ein weiteres großes Thema war nämlich dann die sexuelle Selbstbestimmung, deren Fokus auf der Sexualethik der Frau und den Mutterschaftsrechten liegt und denen ich dann auch mit Gründung meiner Organisationen „Verband für Frauenstimmrecht“ und dem „Mutterschutzbund“ einen Namen gegeben habe.

Ines: Sexuelle Selbstbestimmung gerät auch heute immer noch in die Schlagzeilen, allerdings sprechen wir heutzutage nicht mehr „nur“ von sexueller Selbstbestimmung, sondern von Gender. Die Toleranz, jeden Menschen so sein zu lassen und zu akzeptieren, wie er ist, sowie die gesetzliche Gleichberechtigung hat sich immer noch nicht etabliert. Dass wir heutzutage dann aber doch so viel weiter sind als damals, ist mit Sicherheit auch Ihrer Arbeit zu verdanken, deren Ansätze immer wieder aufgegriffen wurden.

Helene Stöcker: Das freut mich zu hören. Mich hat der Ausbruch des Ersten Weltkriegs stark erschüttert, da dieser gegen meine ganzen Glaubensgrundsätze verstoßen hatte und ich war zutiefst betroffen, meine Arbeit in diesem Bereich nicht fortführen zu können. Umso schöner ist es zu hören, dass diese trotzdem ihre Spuren hinterlassen hat.

Ines: Ich arbeite deshalb im sozialen Bereich, um genau wie Sie diesen kleinen bedeutenden Unterschied zu machen, insbesondere, um denjenigen Menschen eine Stimme zu geben, die alleine nicht den Mut oder die Kraft haben, sich mitzuteilen. Ich selbst bin Mutter dreier Kinder, berufstätig und studiere. Das waren alles selbstbestimmte Entscheidungen, die für uns in der heutigen Zeit als selbstverständlich gelten. Für diese Rechte haben Sie damals hart gekämpft, hätten Sie gedacht, dass sich die Gesellschaft trotz der einschneidenden Rückschläge so weiterentwickelt hat?

Helene Stöcker: Wichtig ist es immer weiterzumachen, an das Gute zu glauben und den Mut zu haben, etwas zu bewegen.

Ines: Vielen Dank für diese schönen Worte zum Abschluss und für Ihre Zeit.

Autorin dieses fiktiven Interviews ist Ines Bröger, Studierende im Studiengang Soziale Arbeit.

MEHR ZU DIESER REIHE

Teil 1: Friedrich Fröbel, Begründer des Kindergartens (inklusive Einordnung der Reihe durch Prof. Dr. Eckstein)

Teil 3: Cicely Saunders, Pionierin der Hospiz-Bewegung

Teil 4: Alice Salomon, Pionierin der Sozialen Arbeit

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